Meine Welt ist bunt

Uwe Jung ist seit 2016 ehrenamtlich im NRD-Wohnverbund Jugenheim tätig. In der folgenden Geschichte berichtet er von seinen Erfahrungen im Ehrenamt.

Ich betreue hin und wieder ehrenamtlich ganz besondere Leute. Sie leben im Wohnheim in einem Nachbardorf und benötigen täglich Hilfe. Zusammen mit einem Mitarbeiter des sozialen Dienstes begleite ich sie ins Stadion oder zu Ausflügen.

Obwohl ich erst seit ein paar Monaten dabei bin, sind mir einige der Bewohner schon recht vertraut. Auch sie scheinen mich zu kennen, grüßen mich und lächeln mir zu.

Da ist z. B. Werner, Ende 70, der sein Handicap nicht von Geburt an hat. Er ist als junger Mann beim Sport auf den Kopf gefallen und hängt in den 50ern fest. Er sitzt im Rollstuhl und redet wenig. Wenn er was von sich gibt, dann singt er. Und zwar immer dasselbe Lied, „Der lachende Vagabund“ von Fred Bertelmann, das 1957 veröffentlicht wurde.

„Meine Welt ist bunt – meine Welt ist bunt!“ schallt es ab und an von der Rückbank. Und dann lacht er. Ein schallendes Lachen, wie im Lied.
Ein anderer, Knut, liebt Farben, obwohl er nicht gut sieht. Wenn wir mit dem Kleinbus der Einrichtung unterwegs sind, schaut er nach draußen und erwähnt die Farben, der Gegenstände, die er sieht. Das sind nur die, die bis maximal zwei, drei Meter rechts und links von der Straße von ihm zu erkennen sind.

In den Wochen vor der Landtagswahl war er besonders aktiv. Die Farben sprangen ihm förmlich ins Auge: Rot, gelb, blau und orange. Und grün, immer wieder grün. Nicht nur die Partei, die man mit dieser Farbe verbindet, warb damit. Auch andere nutzten diesen Ton. Sie schien mir etwas überrepräsentiert. Vielleicht sieht er aber auch gerade diese Farbe am besten? Meine Welt ist Bunt!

Wieder ein anderer, Friedrich, redet viel und erzählt einem mehrmals hintereinander das Gleiche. Obwohl ich ihn erst drei oder viermal getroffen habe, vertraut er mir viel Privates an. Auch Dinge, die ich gar nicht hören will. Da kommt man nicht drumherum.

Vor allem liebt er die Wahrheit. Plötzlich und ungeschminkt kommt er mit ihr daher. Sie kann einen hart treffen, ist aber nie beleidigend aufzufassen und schon gar nicht verletzend.

Die Betreuer kommentieren das meist mit den Worten: „Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit!“ Das ist unter ihnen zum geflügelten Wort geworden.

Im März bin ich mit einem Mitarbeiter der Einrichtung und den drei Genannten mit dem Kleinbus unterwegs gewesen. Friedrich hat uns unterwegs mehrmals erzählt, dass jetzt Wahl ist, er schon ganz viele Wahlplakate gesehen hat und dass auf einem eine ganz hübsche junge Frau drauf sei.

Knut hat alle paar Minuten eine Farbe ins Spiel gebracht. Rot, Blau, Orange, Gelb und Grün. Immer wieder Grün. Vielleicht wegen der vielen Bäume und Sträucher, die links und rechts der Straße standen. Und Werner hat zwischen drin immer wieder gesungen. „Meine Welt ist bunt!“ Und dann hat er gelacht, schallend gelacht.

Wir fuhren zu einem Supermarkt um noch etwas Verpflegung zu besorgen. Ich sollte nur schnell in den Laden rein springen, doch Friedrich, der mobiler als die beiden anderes ist, wollte mit. Er will halt überall dabei sein.

Vor dem Eingang des Marktes war ein Stand mit Wahlwerbung. Es war, wie üblich, ein Sonnenschirm mit dem Parteilogo aufgebaut worden und es gab Getränke. Ein paar Leute standen drum herum. Ich half Friedrich beim Aussteigen aus dem Kleinbus.

Er schaute sich ein Plakat an, das mit langen Kabelbindern direkt neben unserem Parkplatz an einen Mast geheftet war und sagte: “Des is die, vun der ich erzählt hunn! So e schee Fraa. Dreimoo hängt die bei uns!“

Ein Wahlhelfer kam auf uns zu und drückte mir einen Flyer in die Hand. Dann kam die Kandidatin der Partei zu mir und sagte: „Ich geb' ihnen dann auch mal die Hand.“

Mein Begleiter bekam sie auch gedrückt. Er schüttelte sie kräftig und war zunächst noch still. Dann wechselte sein Blick vom Plakat zur vor uns stehenden Frau und dann zu mir.

„Sei einfach mal still!“ dachte ich bei mir.

Doch er fing an zu erzählen: „Bei uns hängen ganz viel Plakate. Un sie kummen mir aach bekannt vor. Sie siehn aus wie die älder Schwerster vun der schee Fraa. Die hängt dreimol bei uns. Dreimol hängt die do.“
Die Kandidatin wurde blass und wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Friedrich fuhr fort: „So e schee Fraa!“

„Pst!“ sagte ich zu Friedrich und dachte doch bei mir: „Warum eigentlich?“ Ganz unbewusst murmelte ich vor mich hin: „Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit!“

„Wie bitte?“ fragte die Kandidatin, die mich verdutzt anschaute. Was sollte ich machen? Ich zuckte verlegen mit den Schultern und wurde wahrscheinlich rot im Gesicht., denn Knut schrie im Bus: „Rot, rot, rot!“ Als dann noch der Refrain von „Der lachende Vagabund“ erklang, da wurde es der armen Frau zu bunt.
Sie schüttelte den Kopf und ging ein paar Meter weiter zu den nächsten Ankömmlingen. Die waren wohl etwas normaler. Und ganz sicher nicht so besonders.

Wir gingen schnell einkaufen und als wir wieder aus dem Markt heraus kamen und zum Bus gingen, würdigte uns die schöne Frau keines Blickes. Sie unterhielt sich gerade mit einem weiteren Kanditdaten ihrer Partei und ich schob Friedrich hastig in den Bus um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden.

So ist das mit den ganz besonderen Leuten. Es gibt immer was zu erleben. Und man muss einiges ertragen. Wenn es auch manchmal nur die Wahrheit ist. Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Meine Welt ist bunt.

Uwe Jung lebt in Wörrstadt-Rommersheim in Rheinhessen. Er verfasst in seiner Freizeit seit etwa 15 Jahren Kurzgeschichten und gründete 2013 die rheinhessische Autorengruppe LANDSCHREIBER. Regelmäßig nimmt er am rheinhessischen Mundartwettbewerb teil, der vom Arbeitskreis Kultur in Alzey veranstaltet wird.

© Uwe Jung

              Rheinhessische Landschreiber